Wo Geschichte und Natur zusammenkommen
Rund um das Jagdschloss Kranichstein ist über Jahrhunderte ein besonderes Ensemble aus Gebäuden und gestalteter Landschaft entstanden. Jagdschloss, Zeughaus und Kapelle erzählen ebenso von seiner Geschichte wie Schlosspark, Backhausteich und die Spuren der höfischen Jagd im Kranichsteiner Wald. Bis heute verbinden sich hier Kulturgeschichte und Natur auf besondere Weise.
Jagdschloss
Das um 1580 erbaute Jagdschloss bildet das historische Zentrum des Ensembles. Über mehr als 400 Jahre wurde es immer wieder verändert und unterschiedlich genutzt – vom fürstlichen Jagdsitz über die großherzogliche Sommerresidenz bis zum Museum. Gebäude, Ausstattung und Sammlung erzählen bis heute von dieser wechselvollen Geschichte.
Vom Hofgut zum fürstlichen Jagdsitz

Um 1580 ließ Landgraf Georg I. von Hessen-Darmstadt ein bestehendes Hofgut durch seinen Baumeister Jakob Kesselhuth zu einer dreiflügeligen Wirtschaftshof ausbauen. In dieser Zeit entstand auch ein erster Wildpark für die höfische Jagd. Nach den Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges wurde Kranichstein wieder instand gesetzt und entwickelte sich erneut zu einem beliebten Aufenthaltsort der landgräflichen Familie.
„Naus in walt“
Landgräfin Sophie Eleonore (1634-1663) war selbst passionierte Jägerin. Nach den Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges kümmerte sie sich um Kranichstein, hegte ihre Fasanerie und zog gerne „naus in walt“.
Die große Zeit der Jagd

Ende des 17. Jahrhunderts begann die Blütezeit Kranichsteins als höfischer Jagdsitz. Landgraf Ernst Ludwig führte die französische Parforcejagd ein, für die sich die Landschaft rund um Darmstadt besonders eignete. Unter Ludwig VIII. wurde Kranichstein weiter ausgebaut; an der Parkseite entstand das Rondell als Zentrum eines barocken Schneisensterns. Unter seinem Sohn Ludwig IX. endete die Epoche der barocken Jagd in Kranichstein; die Parforcejagd wurde abgeschafft.
„Heute einen kapitalen Hirsch von 32 Enden und 5 Zentnern Gewicht vor den Hunden sauber darniedergelegt. Gott sei Dank für diesen raren Schuss.“
Landgraf Ludwig VIII. von Hessen-Darmstadt (1691–1768) ging als der „Jagdlandgraf“ in die Geschichte ein. Er war das Paradebeispiel eines barocken Praktikers: Die Jagd betrieb er mit solcher Leidenschaft, dass die Staatsgeschäfte dabei nicht selten in den Hintergrund traten.
Vom Jagdschloss zur Sommerresidenz

Ab 1790 änderte sich die Nutzung Kranichsteins. Landgraf Ludwig X., der spätere Großherzog Ludwig I., ließ das Jagdschloss durch Hofbaumeister Georg Moller zu seiner bevorzugten Sommerresidenz umgestalten. Auch seine Nachfolger nutzten Kranichstein vor allem als privaten Rückzugsort. Unter Großherzog Ludwig III. erhielt das Schloss im Stil der historistischen Neorenaissance schließlich weitgehend sein heutiges Erscheinungsbild.
„…in unserem schönen Kranichstein…“
schrieb die britische Prinzessin Alice von Großbritannien 1865 als Ausdruck ihres Wohlbefindens in der neuen hessendarmstädtischen Heimat. Sie verbrachte mit ihrem Mann Ludwig IV. mehrere Sommer im Jagdschloss. Auch ihre Mutter Queen Victoria war später in Kranichstein zu Gast.
Das Jagdschloss als Museum

1917 ließ Großherzog Ernst Ludwig im Jagdschloss ein Museum mit der jagdhistorischen Sammlung seines Hauses einrichten. Während des Zweiten Weltkriegs wurden die Gebäude für soziale und Ausbildungszwecke genutzt. 1952 übernahm die Stiftung Hessischer Jägerhof das Schloss und eröffnete das Museum erneut. Wegen erheblicher Baumängel begann 1988 eine umfassende Restaurierung. Nach zehnjähriger Sanierung wurde das Schloss 1998 wieder für die Öffentlichkeit geöffnet.
„…als hätten die jagenden Fürsten den Raum erst verlassen…“
Hofmarschall Cuno Graf von Hardenberg wurde von Großherzog Ernst Ludwig mit der Einrichtung des Museums beauftragt. Mitten im Ersten Weltkrieg inventarisierte er die jagdlichen Hinterlassenschaften des Hauses Hessen-Darmstadt und schuf damit ein Museum, in dem Geschichte lebendig werden sollte.
Der Weg in die Zukunft

Heute beherbergt das Ensemble Jagdschloss Kranichstein zwei Museen, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Verhältnis von Mensch und Natur beschäftigen. Das MUSEUM bewahrt die Geschichte der höfischen Jagd und ihre kulturellen Zeugnisse, während sich das bioversum im historischen Zeughaus der biologischen Vielfalt und der Veränderung von Natur und Landschaft durch den Menschen widmet.

Ab 2027 beginnt ein neues Kapitel in der Geschichte des Jagdschlosses. Im Zuge einer umfassenden Sanierung wird das historische Gebäude für die Zukunft gerüstet. Ein Aufzug soll das Museum künftig barriereärmer erschließen und ein neues Depot zeitgemäße Bedingungen für die wertvolle Sammlung schaffen. Gleichzeitig wird die Dauerausstellung grundlegend neu konzipiert und gestaltet.
„Zitat“
Onno Faller
Das Zeughaus

Ab 1688 ließ Landgraf Ernst Ludwig südöstlich des Jagdschlosses ein 70 Meter langes Jagdzeughaus zur Aufbewahrung von Utensilien für die höfische Jagd wie Lappen, Netze und Leinwände errichten. 1741 wurde das Gebäude auf 112 Meter verlängert, aufgestockt und mit dem charakteristischen Mansarddach versehen. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurde es auch militärisch genutzt. 1791 wurde die Raumstruktur für die Unterbringung eines Reiterregiments verändert.

1958 erwarb die Stiftung Hessischer Jägerhof das vom Abriss bedrohte Zeughaus und sicherte damit seinen Erhalt. Über viele Jahre beherbergte es die Jagdschule des Landesjagdverbandes Hessen und diente zugleich als Fundus des Museums. Von 2003 bis 2007 wurde das Gebäude umfassend saniert. Seit 2008 ist das Zeughaus Heimat des bioversum, das sich der biologischen Vielfalt und dem Verhältnis von Mensch und Natur widmet.
Die Schlosskapelle

Bereits im 16. Jahrhundert wurde unter Landgraf Georg I. die Kapelle im Jagdschloss eingerichtet. Den Raum prägen bis heute die beiden hölzernen Emporen und die dekorative Stuckdecke. Von der früheren Fürstenloge blickte die höfische Gesellschaft auf Altar und Kanzel. Da die Kapelle zugleich als Pfarrkirche und Hofkapelle genutzt wurde, blieb sie während des Gottesdienstes räumlich von den übrigen Gläubigen getrennt.

Die schlichte Gestaltung der Kapelle steht im Kontrast zu ihrer reichen Bildausstattung. Ein Altarbild mit Kreuzigungsszene und Darstellungen aus dem Alten und Neuen Testament schmücken die Emporenbrüstungen. An der Längswand hängt eine Darstellung des heiligen Eustachius, Schutzpatron der Jäger. Johann Tobias Sonntag orientierte sich an einem Kupferstich Albrecht Dürers: Er zeigt die Bekehrung des Heiligen beim Anblick eines Hirsches mit einem Kruzifix im Geweih.
Der Schlosspark

Für die Jagd auf exotisches Federwild ließ Landgraf Ernst Ludwig eine „wilde“ Fasanerie anlegen, die bis heute als ummauertes Waldstück erhalten ist. Direkt am Jagdschloss befand sich außerdem eine „zahme“ Fasanerie zur Aufzucht der Vögel. Nach deren Aufgabe entstand hier im 19. Jahrhundert ein englischer Landschaftsgarten für die großherzogliche Sommerresidenz. Bis heute lädt der Schlosspark zum Spazieren und Entdecken ein.
Der Backhausteich

Im 16. Jahrhundert ließ Landgraf Georg I. den Backhausteich als Wirtschaftsgewässer zur Fischzucht anlegen. Später wurde der Teich in die Gestaltung des Landschaftsgartens einbezogen. Heute ist er ein beliebtes Ziel für Spaziergänger*innen und zugleich wertvoller Lebensraum: Erdkröten nutzen ihn als Laichgewässer, zahlreiche Wasservögel finden hier Brutplätze und Nahrung.